Daniela Hardmeier

Text zur Ausstellung ‹Über den Umweg›

14. 11. 2010 bis 16. 01. 2011 im Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil - Jona

 

Raffaella Chiaras (*1966) bevorzugtes Medium ist die Zeichnung auf Papier oder direkt an die Wand. Ihre Arbeiten sind fiktive Räume, die als eigenständige Orte bestehen und doch immer auch in einer Wechselbeziehung zur äusseren und inneren Welt des Menschen stehen. Durch den präzisen Einsatz der Linie, die in einem spannungsvollen Zusammenspiel von Härte und Weichheit, Kantigkeit und organischem Fliessen sich bewegt, eröffnen sich eindringliche Bildwelten von grosser Strahlkraft.

In ihren aktuellen Zeichnungen beschreitet die Künstlerin einen neuen Weg. Nicht mehr nur die Dichte des Graphitstriches und die Dynamik der Linie definieren das Bild, vielmehr treten malerische Farbflächen auf, die eine neue Dimension in die Werke bringen. Das Spiel mit den unterschiedlichen Ebenen findet zudem nicht mehr nur auf einem Blatt statt, vielmehr sind es Paare, die die Künstlerin bildet. In ihrer ersten Museumseinzelausstellung befasst sich Raffaella Chiara intensiv mit den Raumverhältnissen im Obergeschoss des Kunst(Zeug)Hauses. Direkt auf eine rund 18m lange Wand hat sie eine Zeichnung realisiert (Abb. 01), in der Linie und Fläche in einen spannungsvollen Dialog treten. Wellenförmig und äusserst dynamisch breiten sich die einzelnen Elemente – Graphitzeichnung, Gouachemalereien und Aluminiumfolie – über die gesamte Wand aus. Das Experimentelle und Offene tritt in dieser Arbeit akzentuiert ins Zentrum des Blickwinkels. Im Raum ergänzt werden die Wandarbeit und die Zeichnungen durch zwei Fernrohre. Raffaella Chiara hat hierfür durch mehrere Bände der Time Life Ausgabe «Die Wildnisse der Welt» (Abb. 02) aus den 1980er Jahren Papierstanzungen vorgenommen und diese zum Fernrohr zusammengefügt. Per se blind, steckt die mögliche Entdeckung der Welt im Objekt selber und wird zur Metapher für unsere eigenen inneren Reisen.


Das Arbeiten mit unterschiedlichen Ebenen oder auch die Auseinandersetzung mit topographischen, wissenschaftlichen Zeichnungen scheint immer wieder auf im Werk der Künstlerin. In ihren Blättern und Installationen eröffnen sich Welten, die unserer Imagination entsprungen zu sein scheinen und doch auch immer Bezüge zu alltäglichen Dingen bewahren (wie das Atelier, Boote, Archivräume oder Lampen). Es sind wichtige Fragen, die sie in ihren Arbeiten auslotet, wie unser schwieriges Verhältnis zwischen Natur und Kultur oder dem Vorgefundenen und dem Gebauten und in denen das Kernthema des künstlerischen Schaffens von Raffaella Chiara sich formuliert: das exemplarische Erfassen der Welt, über das Umkreisen von Motiven und Themen Einblick in die Denk- und Vorstellungswelt des Menschen zu gewinnen.

 

04_umweg

 

Abb. 01

 

13_fernrohr

 

Abb. 02

Die Wildnisse der Welt – Time Life 1, 2010, Papier, Karton, MDF, L 51 cm, D 13 cm